Internationales Schattentheater Zentrum
Doppelgänger
Abb. 1: Der Schatten - unser Bruder, unsere Schwester - der uns Schritt für Schritt durchs Leben begleitet. Foto: Juraj Lipták


Abb. 2: Kindschatten


Abb. 3: Treppenschatten

Pistenbullys
Abb. 4: Schatten sind mehr als eine rein physikalische Erscheinung, sie sind geheimnisvoll und verwandeln das Objekt ihres Ursprungs in etwas Dämonisches.

Schattenraum
Abb. 5: Der Schatten ist räumlich.

Weltall
Abb. 6: Schatten und Licht im Weltall.

Wildschweinjagd
Abb. 7: Jagdzauber der Steinzeit.

Totenvogel
Abb. 8: Der Totenvogel
entfleucht aus dem Sterbenden.


Spiel im Raum
Abb. 9a: Spiel im Raum
- Scharfe, lebendige Schatten.


Riese
Abb. 9b: Der geheimnisvolle Schatten
(Cie. Mussoux-Bonté, Belgien)


Indonesien: Opfer
Abb. 10: Der Schattenspieler in Indonesien
hat priesterähnliche Funktion. Er betet
zu den Göttern, bringt ihnen Opfer dar
und bittet sie um ihre Anwesenheit


Indonesien: Opfer



Abb. 11: Zwei Drittel der aktiven SchattentheaterspielerInnen und BesucherInnen
von Schattentheater-Aufführungen sind Frauen.



Abb. 12: Was ist Traum, was Wirklichkeit?

Der Schatten

- von Rainer Reusch -

1. Der Schatten - unser Doppelgänger

Der menschliche Schatten gehört zu den merkwürdigsten Dingen dieser Welt. Jeder hat ihn, kaum einer beachtet ihn. Er ist er unser ständiger Begleiter und doch bekommen wir ihn nie zu fassen. Wir können ihm nicht davonlaufen und er uns auch nicht. Er ist bei uns, auch wenn wir uns einsam fühlen. Er ist unser Bruder / unsere Schwester und unser Freund / unsere Freundin, ein idealer Doppelgänger.
Er hat Humor (Abb. 4), klettert verspielt Mauern empor, hüpft behende Treppen hinauf (Abb. 3), springt über Wiesen und Schneefelder, taucht auf den Grund von Seen und Bächen hinab. Er schreckt vor keinem Hindernis zurück. Oft verzerrt er sich ins Groteske, dehnt sich, bekommt spindeldürre Beine, wird zum langen Lulatsch (Abb. 1) und schrumpft im nächsten Moment zu einem Zwerg zusammen (Abb. 2).



2. Versuch einer Definition

Der physikalische Schatten
„Schatten (ahd. scato): der dunkle Raum hinter einem beleuchteten undurchlässigen Körper“.
Diese Definition aus dem Brockhaus Lexikon macht eine sehr wichtige, wenig bekannte Feststellung: Der Schatten ist ein Raum, nicht zweidimensional, sondern dreidimensional. Er zeigt sich uns zwar auf einer Fläche, dehnt sich aber in Wirklichkeit unendlich in den Raum aus (s. Abb. 5). Man denke an die Schattenräume riesigen Ausmaßes im Weltall und an Sonnen- und Mondfinsternisse.

„Der Schatten führt ein Doppelleben. Er ist ein dreidimensionaler Körper und (wenn er auf eine Projektionsfläche trifft) zweidimensional“ (Roberto Casati).

Weitere Definitionen:
  • „Der Schatten ist reine Form ohne Materie: flach, farblos, körperlos“ (Thorsten Sadowski).
  • „Er ist die einzig existente immaterielle und dennoch sichtbare Form“. (Norbert Götz)
  • Er hat ein undefinierbares Inneres.
  • Schatten ist das Fehlen von Licht. Physikalisch betrachtet sind Schatten „Löcher im Licht“. Der schatten-werfende Gegenstand unterbricht die Lichtwellen und das Licht wird geschluckt.
  • „Schatten sind Reste des kosmischen Dunkels auf der Erde“. Im Weltall wird die Finsternis unterbrochen, wo Licht auf einen Gegenstand trifft (Abb. 6). So gesehen ist das Licht der Dunkelheit untergeordnet.
  • „Der Schatten hat mehr Macht als das Licht, denn er kann das Licht abschaffen und die Körper vollends des Lichts berauben.“ (Leonardo da Vinci)
Der Schatten muss für uns Menschen einen Umriss haben, sonst sprechen wir von Dunkelheit. "Dass die Nacht der Schatten der Erde ist und die Phasen des Mondes lediglich ein Schattenspiel, ist uns kaum vertraut.“ (Norbert Götz). Der größte uns Menschen erfahrbare Schatten ist der Schatten des Mondes auf der Erde. Tief erlebt in Deutschland bei der Sonnenfinsternis 1999.



3. Das Wesen des Schattens

Alle physikalischen Definitionen (s.o.) sind völlig unbrauchbar, wenn es um die Beschreibung des Wesens des Schattens geht.
„Man meint, man könne Schatten in wenigen Zeilen beschreiben, aber wenn man mitten in sein dunkles Herz späht, erweist er sich unendlich komplex“ (Roberto Casati).
Der bedeutende Schweizer Physiker und Schattenspieler Dr. Rudolf Stössel schreibt: „Für mich bewegt sich das Schattenspiel immer an der Grenze zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen hell und dunkel, Leben und Tod, Wachsamkeit und Traum. Man spürt das Transzendente.“

Hier sind einige Beispiele für das Wesen des Schattens:
  • In vielen Kulturen wird der Schatten mit der Seele gleichgesetzt. Wer seinen Schatten verliert, verliert seine Seele oder steht mit dem Teufel im Bunde. Als Seele des Menschen ist der Schatten besonders gefährdet, schutzbedürftig, und muss vor Zugriff bewahrt werden.
  • Schon die Menschen der Steinzeit malten vor Tausenden von Jahren vor der Jagd Schattenbilder von Tieren an die Felswände, wahrscheinlich um sie magisch zu bannen (Abb.7).
  • Die Ägypter der Antike glaubten, dass die Seele aus dem Körper des Sterbenden in Gestalt eines Schattenvogels entfleucht(Abb.8). Schon damals entwickelte sich die Dualität: „der physische Schatten wandelt sich zum psychischen, zur Schattenseele“ (F. Paasche).
  • Früher spielten Kinder gerne das „Schattenlaufen“. Einer musste die anderen fangen. Wenn er auf den Schatten eines Kindes trat, war das Kind „tot“. Kindliche Magie.
  • Im Schattenspiel sieht man die schattengebende Figur nicht, sondern nur den unfassbaren Schatten. Der Schatten ist da und doch nicht da, nicht fassbar, nicht begreifbar im wörtlichen Sinne. Er wird sichtbar und verschwindet wieder. Diese Körperlosigkeit verleiht dem Schatten etwas Geheimnisvolles, Unfassliches, Irrationales, Transzendentes, Traumhaftes, Immaterielles, ja Magisches.
„Auf dem Schattenschirm deutet der Schatten nur Wirklichkeit an, zeichnet Konturen, ist sparsam mit Details und erreicht damit höchste Intensität durch relativ einfache Mittel.“ (Joachim von Lüptow).
Die Schattenfigur zeichnet sich durch einen Grad an Stilisierung aus, von der andere Figurengattungen nur träumen können. Sie zeigt nur ihre Kontur. Kein Ohr, keinen Gürtel, keine Falte. Diese Konzentration auf das Wesentliche steigert ihre Wirkung enorm. Sie fordert die kreativen Fähigkeiten des Zuschauers heraus. Er füllt mit seiner Fantasie die Schwärze des Schattens.



4. Entwicklung des Schattens im Schattentheater

Die Wahrnehmung des Schattens hat sich im Laufe der Zeit bei uns Menschen verändert. Die Höhlenbewohner der Steinzeit kannten die Schattengebilde, die nachts im Feuerschein über die Höhlenwände huschten.
Das Feuer und die Fackel warfen unscharfe und unruhige, hin- und hertanzende Schatten.

Erst als Edison 1878 die Glühbirne erfand, wurde die „Wildheit des Schattens gezähmt“ (N. Götz). Für das Schattenspiel bedeutete dies ruhige und gebändigte Schatten. Doch waren diese immer noch unscharf. Sobald man die Figur vom Schattenschirm (Leinwand) abhob, lösten sie sich auf und verschwanden.

Erst mit der Erfindung der Halogenlampe 1956 mit ihrem punktförmigen Licht wurden scharfe Schatten möglich. Jetzt konnte man die Figuren vom Schattenschirm abheben und im Raum spielen, ohne dass der Schatten wesentlich an Schärfe verlor. Das war eine Revolution. Der Schatten zeigte seine ganze Schönheit. Er konnte anwachsen zur Riesengestalt, zusammenschrumpfen zum Winzling, in seiner Form verzerrt und seine Bewegung genau kontrolliert werden. Der lebendige und gleichzeitig scharfe Schatten war geboren (Abb. 9a+b).



5. Die Schatten im Kult des Fernen Ostens

Die genannten Eigenschaften des Schattens sind identisch mit denen des Kultes und der Religionen. Gott und die Götter sind wie der Schatten nicht fassbar, greifbar, ebenso das Reich der Toten, des Himmels, die Ewigkeit. Die Eigenschaften der Transzendenz und des Geheimnisvollen verbindet Religion und Schatten. Die Völker des Fernen Ostens haben die Verwandtschaft zwischen Schatten und Religion wahrscheinlich schon in vorchristlicher Zeit erkannt, das Spiel mit ihnen erfunden und in den Dienst des Kultes und der Religion gestellt.
Es gibt in China eine schöne Legende aus dem Jahr 121 v. Chr., in der ein Magier die verstorbene Geliebte des Kaisers Wu als Schatten auferstehen lässt und dafür reich belohnt wird.
Das erste objektive Zeugnis für die Existenz des Schattentheaters findet sich im 10. Jahrhundert n. Chr. Geb. und zwar in China. Die Frage, ob die Wiege des Schattenspiels dort oder in Indien zu suchen ist, wird wohl mangels Beweisen nie geklärt werden können.
Tatsache ist, dass das traditionelle Schattenspiel bis heute in China, Indien, Thailand, Kambodscha und besonders in Indonesien große Bedeutung hatte und trotz der Konkurrenz der Massenmedien immer noch ein Rolle spielt.
Auf Java, Bali und Lombok gibt es Tausende Schattenspieler. Sie nehmen eine priesterähnliche Stellung ein und werden u.a. zu Geburts-, Hochzeits-, Einäscherungs- und Tempelfeiern eingeladen. Vor dem Spiel bringen die Schattenspieler den Göttern Opfer dar und bitten sie und die verstorbenen Ahnen, dem Schattenspiel beizuwohnen.



6. Der Schatten - eine „Bauchfigur“

Man kann die Schattenfigur als „Bauchfigur“ bezeichnen. Damit wird ausgedrückt, dass sie mit Gefühl, Kreativität, Bildersprache, Intuition zu tun hat und weniger mit Vernunft, Denken, Logik und Wissenschaft. Kein Wunder, dass es das Spiel mit den Schatten in unseren Breiten, in denen die Vernunft dominiert, schwer hat. Der Gründer der Schwabinger Schattenspiele, Alexander von Bernus (1880-1965), erkannte, dass „allein das Eigentliche und tief Ergreifende des Schattenspiels ganz im Seelischen liegt.“ Und es verwundert deshalb nicht, dass zwei Drittel der aktiven Schattenaufführenden Frauen sind und, wie Schattentheater-Festivals zeigen, auch mehr Frauen als Männer Schattentheater-Aufführungen besuchen (Abb. 11). Frauen haben bekanntlich eine bessere Verbindung zur Welt der Gefühle als Männer.

Während bei uns im Westen die Welt der Vernunft und des Materiellen dominiert, versuchen die Menschen im Osten ganzheitlich zu leben. Geist und Seele, linke und rechte Gehirnhälfte, sind dort gleichwertig. Uns ist es deshalb unmöglich nachzuvollziehen, wenn es in der Weisheitsschule des Mahajama heißt: „Alle objektiven Tatsachen sind wie ein zauberisches Gaukelbild, wie ein Traum. Träume und Wesen sind nicht zwei verschiedene Dinge.“ (Abb. 12)

Die Menschen im Fernen Osten haben eine positive Einstellung zum Schatten. Die verstorbenen Ahnen werden personifiziert als Schatten gedacht und von den Lebenden verehrt. Der Schattenschirm heißt im Orient poetisch „Tuch des Traumes“, in Java „Tuch des Nebels und der Wolken“.
In den Psalmen des Alten Testaments der Juden heißt es:
„Wie teuer ist deine Güte, Gott, dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht finden.“ (Ps. 36)

Ganz anders im Westen. Hier heißt es:
Eine Gefahr wirft ihre Schatten voraus.
Der Schatten des Todes lag über ihm.
Schatten sind wir und Staub (Horaz).
Er ist nur ein Schatten seiner selbst.
Jemand hat einen Schatten.

Die negative Deutung ist offenkundig.

Was Wunder, wenn die Kunst des Schattentheaters erst im 17. Jahrhundert über die chinesische Seidenstraße zu uns nach Europa kam und bis heute im wahrsten Sinne des Wortes ein „Schattendasein“ fristet.

Interessant ist, dass einseitig vernunftgerichtete Zeitgenossen mit Schattentheater wenig anfangen können, ja sich sogar vor einer Begegnung mit dem Schatten fürchten. Die Stilisierung und starke Reduktion der Schattenfiguren ruft im Zuschauer eine Identifikation mit der Figur hervor. „Wir erzeugen aufgrund des Schattenbildes innere Bilder, die wir sozusagen auf den Bühnenschatten projizieren“ (J. v. Lübtow).
Plötzlich erkennt der Zuschauer in den dunklen Figurenschatten seine eigenen Schatten und projiziert diese in die gesehenen Figuren hinein. Das ins Unterbewusste Verdrängte wird bewusst. Das ist peinlich. Triebe, Leidenschaften, geheime Sehnsüchte, Phantasien und Eigenschaften, die von der Gesellschaft negativ eingestuft werden (Intoleranz, Hass, Schadenfreude, Egoismus, Neide, Geiz, Hochmut usw.) melden sich.
Es gibt Psychotherapeuten, die ganz gezielt das Schattenspiel in die Heilung ihrer Patienten mit einbeziehen. Der Schweizer Tiefenpsychologe C. G. Jung legt überzeugend dar, wie wichtig es ist, diese verdrängten, nicht akzeptierten Schatten als Teil der eigenen Persönlichkeit anzuschauen, anzunehmen und mit ihnen Frieden zu schließen.

Rainer Reusch





Der Schatten

- von Norbert Götz -

Der Schatten nimmt seit jeher eine Sonderstellung in unserem Leben ein: von Anfang an können wir uns seiner nicht entledigen und dennoch übersehen wir ihn. Obwohl wir seine Sphäre häufig kreuzen, erwähnen wir ihn kaum. Was ist dieses „dunkle Nichts?“

Der Brockhaus beschreibt ihn als den „nicht oder weniger be­leuch­teten Raum hinter einem reflektierenden bzw. lichtundurchlässigen Objekt“. Er ist gleichsam ein „Loch im Licht“ und hat als solches eine räumliche Ausdehnung. Das Licht ist also die Basis des Schattens. Sobald es erlischt, verschwindet auch er und deshalb ist er eine abhängige Er­schei­nung.

Eine andere Sichtweise erklärt die Finsternis zur Grundsubstanz des Schattens. Die Genesis beschreibt dies unter Vers 1.2 mit den Worten: „Die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe". In der Weite des Universums nämlich herrscht Schwärze und das Licht kann diese nur stellenweise erhellen. Lediglich wo es auf Materie trifft, wird es reflektiert und sichtbar. So betrachtet sind Schatten Bruchstücke dieser Finsternis, die ihren Platz wieder einnimmt, wo das Licht nicht hinreicht. Was ein Schatten ist, hängt also davon ab, ob wir der Finsternis oder dem Licht den Anfang zugestehen.

Fest steht, es gibt keine Schatten ohne Objekte, die sie erzeugen und im Gegensatz zu den meisten Dingen bestehen die Schatten aus Nichts. Es sind ungreifbare, immaterielle Räume und als solche irritierend für unseren Verstand. Diese Irritation findet sich auch in der Sprache, die den Aus­druck „Schatten“ nur ungenau verwendet: weil der im Brockhaus beschriebene „Raum“ in den meisten Fällen durch gestreute Reflexion kaum sichtbar wird, nennen wir lediglich die Fläche, auf die er auftrifft, einen Schatten. Andererseits wiederum sagen wir, dass wir „in den Schatten gehen“, also einen Raum betreten. Sinnvoll wäre es wohl, das auf einer begrenzenden Fläche entstehende Dunkel zur Un­ter­schei­dung als Schattenbild, Schattenriss oder Schattenwurf zu bezeichnen.

Durch die Schattenbilder und ihre Nuancen zwischen Schwarz und Grau orientieren wir uns. Als Spuren der Begegnung des Lichts mit Körpern geben sie Auskunft über die Beschaffenheit der Objekte, indem sie durch ihre Schattierung räumliche Dimensionen und Strukturen erkennen lassen. Die Oberflächenqualitäten aller Stoffe entstehen erst durch allerkleinste Schatten. Das gilt für Gegenstände in unserer nächsten Umgebung, die auf unsere um­gehende Verwertung von Schatten angewiesen sind ebenso wie für Planeten und Sterne. Schatten gibt es in allen Dimensionen.

Schattenphänomene von kosmischem Ausmaß verbinden wir allerdings eher mit der Dunkelheit als mit dem Schatten, da sie unsere Wahr­nehmung überfordern. Dass die Nacht der Schatten der Erde ist und die Phasen des Mondes lediglich ein Schattenspiel, ist uns kaum vertraut. Der uns umgebende Schatten muss eine nachvollziehbare Kontur haben, damit er für uns existiert.

Schatten bewusst wahrzunehmen verlangt ein hohes Maß an Kon­zen­tration und ohne innezuhalten kann man sich keine Vorstellung von den uns umgebenden Schattenräumen machen.
Sie sind weit mehr als eine rein physikalische Erscheinung. Sie sind geheimnisvoll und verwandeln mitunter das Objekt ihres Ursprungs in etwas Dämonisches. Sie sind ein Versteck, weil der Blick die Dunkelheit nicht durchdringen kann. Sie tragen eine Erinnerung an das Geschehen mit sich, das sie hervorgebracht hat und doch sind sie ohne Geschichte. Sie erzählen den Augenblick, weil die Vergangenheit nichts in ihre Flüchtigkeit einzeichnen kann. Sie kommen und gehen ohne Spuren zu hinterlassen. Sie sind in jedem Moment anders und auf seltsame Weise untertan dem Objekt, von dem sie Abbild geben. Eigenwillige Sklaven, die kommen und gehen, am Körper festhaften und sich doch nicht greifen lassen. Sie sind das Fehlen von Licht und damit eine vorhandene Abwesenheit, ein Paradoxon.

Schatten sind Zeugen der Begegnung zwischen der Welt der Dinge und einer Welt, in der die Materie nur eine untergeordnete Rolle spielt. Sie sind die einzige sichtbare und dennoch immaterielle Form, wie ein Durchgang, eine Tür zwischen beiden.

Norbert Götz